Privat
Januar 10, 2023

„Ich muss mein neues Ich erst noch kennenlernen“

Im April 2022 erfuhr die Weltöffentlichkeit, welche Verbrechen rund um Kiew verübt wurden: in Orten Butscha, Irpin, Gostomel und anderen. Ich bekam damals Fotos von diesen Verbrechen über Messenger geschickt und hatte das Gefühl, dass mein Körper auf eine Temperatur von Minus 100 Grad heruntergekühlt wird. So ein Gefühl habe ich noch nie vorher erlebt. Wie können Menschen so etwas tun? Minuten später waren die gleichen Bilder überall: Alle TV-Sender und Social Media-Kanäle zeigten sie. Es gab einen Aufschrei der Empörung weltweit. Der Protest war groß und erfasste alle Weltregionen. Diese Art der Gewalt fand keine Zustimmung: Gefolterte Menschen in Kellern, ermordete Kinder, Leichen von Zivilisten in den Straßen….Doch nach und nach …nein, wir gewöhnten uns nicht an diese Bilder, aber wir lernten, mit dem Schrecken, mit dem unfassbaren Schmerz zu leben.

Wir arbeiten, umarmen uns, lieben, werden schwanger, gebären Kinder, kochen, machen Geschenke und gleichzeitig fühlen wir diesen schrecklichen Schmerz. In den zehn Monaten, die seit dem beschriebenen Tag vergangen sind, habe ich so viel über Menschen gelernt! Über Menschen, die mir nahe stehen und Menschen, die entfernt sind. Am meisten habe ich über mich selbst gelernt.

Im Sommer habe ich durch Zufall in meinem Handy Bilder von mir gesehen, die im Januar 2022 aufgenommen wurden. Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt. Der Spiegel zeigt heute eine ganz andere Person. Ich habe in den letzten Monaten nur sehr wenige Fotos von mir selbst gemacht. Deswegen ist es mir zunächst nicht so stark aufgefallen. Ich habe mich mit dieser Veränderung beschäftigt. Richtig verstanden habe ich sie erst in einem Gespräch mit einem alten afghanischen Freund, der die Zerstörung seiner Heimatstadt miterlebt hat. Er gab mir einen Rat: Ich solle aufhören, mein verlorenes Ich zu suchen und ihm nachzutrauern. Ich solle aufhören, es zu hegen und zu pflegen und immer mit mir herumzutragen, jetzt, hier, in meinem neuen Leben.

Ein neues Leben beginne nicht, wenn man es sich fertig eingerichtet hat und bereit ist, damit zu beginnen. Es beginnt vielmehr, wenn sich die innere Haltung verändert: Was ist uns vertraut? Wo fühlen wir uns zugehörig? Das neue Leben beginnt nicht, wenn wir uns entscheiden, damit zu beginnen. Es beginnt meistens durch unvorhersehbare Ereignisse. Kriege sind solche Ereignisse. „Dein neues Leben hat am 24. Februar 2022 begonnen“, erklärte mein afghanischer Freund: “Doch Du siehst es nicht und lebst Dein altes Leben weiter. Du tust so, als wärst Du noch die alte Tamriko. So kommst Du nicht weiter. Das hilft weder Dir noch Deinem Land. Erlaube Dir, Dich zu verändern und höre auf, Deinem alten Ich mit jedem neuen Schritt nachzutrauern“. Wie recht er hat!

Schmerz und Trauer um die Menschen: In Mariupol, in der Gegend von Luhansk, Kiew, Cherson, Charkiv, Dnipro, Lwiw und in den vielen anderen ukrainischen Städten und Dörfern. Schmerz für die Menschen, die sich von einem Tag auf den anderen in einem anderen Land wiederfanden, ohne die Sprachen und die Gewohnheiten dort zu kennen und ohne ihre Geliebten, ihre Ehemänner und Familien. Schmerz für die Infrastruktur und auch die Kultur eines ganzen Landes. Für uns selbst, unser Schicksal und die vielen Leben, die beendet wurden.  All dieser Schmerz wird weiter gefühlt, er wird immer weiter bestehen und er ist es, der uns verändert hat. Denn wir haben uns verändert.  Das muss man akzeptieren, sich darauf einlassen. Ich weiß allerdings noch nicht, wer mein neues Ich ist. Ich habe sie noch nicht kennengelernt, diese neue Tamriko. Nach zehn Monaten Krieg in der Ukraine habe ich mich gerade erst auf den Weg gemacht. Mein afghanischer Freund hat recht: Stillstand hilft weder mir noch meinen Leuten noch meinem Land. Wir müssen uns trauen, anders zu sein als früher. Wir müssen uns auf die Veränderung einlassen. Und: Ich mache wieder Fotos von mir. Ich will mich an diese Tage erinnern und daran: Trotz des unendlich großen Schmerzes behält das Leben doch die Oberhand.