Stille!!! | Rita Mahlis, die ebenso wie Zahra Nazari neu in der Amal-Redaktion und auch noch (vergleichsweise) neu in Deutschland ist, hat das Thema für die arabische Redaktion aufgegriffen. Hier Auszüge aus Ihrem Text in deutscher Übersetzung: „Ali aus dem Libanon erzählt, dass ihn in Deutschland zunächst nicht das kalte Wetter oder die Sprachbarriere beeindruckten, sondern vielmehr die allgegenwärtige Stille. „In öffentlichen Verkehrsmitteln, auf der Straße, sogar in Aufzügen herrscht Stille. Ich war an spontane Gespräche gewöhnt, daran, Fremde nach ihrem Befinden zu fragen.“ Anfangs empfand Ali diese Stille als eine Art Kälte, doch mit der Zeit erkannte er, dass sie Ausdruck von Respekt vor der Privatsphäre war. „Ich habe gelernt, dass Stille hier eine eigene Sprache ist.“ „Layla aus dem Irak spricht über ihre Erfahrungen in Deutschland, als entdecke sie eine neue Welt, ja sogar einen neuen Planeten. Sie beschreibt es so: „Die Freiheit hier ist unglaublich, aber sie kommt ganz unmerklich… Die individuelle Freiheit ist absolut, selbst in den kleinsten Details.“ Layla war erstaunt über die Unabhängigkeit der jungen Menschen, darüber, wie Kinder dazu erzogen werden, eigene Entscheidungen zu treffen, und über die offenen Gespräche über Themen, die in ihrer Heimat völlig tabu waren, wie etwa voreheliche Beziehungen, Zusammenleben ohne Trauschein, sexuelle Identität und Orientierung und sogar junge Menschen, die ihre Lebensentscheidungen ohne Einmischung der Familie treffen. „Anfangs fühlte ich mich verloren, zwischen zwei parallelen Welten: einer, die ich kannte, und einer, deren Regeln ich nicht ganz verstand.“ Doch dieser Schock war nicht nur ein Gefühl der Entfremdung; er war eine Einladung, ihre arabische Identität und die Kultur der neuen Gesellschaft, in der sie lebt, neu zu überdenken. „Ich begann, meine Wurzeln mit dem, wer ich bin und wer ich in dieser neuen Gesellschaft sein möchte, in Einklang zu bringen.“ Kulturschock ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Wie der arabische Reisende Ibn Battuta sagte: „Der größte Nutzen des Reisens liegt nicht darin, neue Länder zu sehen, sondern Menschen mit neuen Augen zu sehen.“ Wenn dies für das Reisen gilt, wie viel wertvoller ist es dann erst, sich in einem neuen Land niederzulassen und eine andere Kultur zu erleben, die den Alltag bis ins kleinste Detail prägt? Diese Erfahrung verändert unsere Sicht auf die Welt und auf uns selbst“.
Hier geht es zum Text auf Arabisch. |  | Ebenfalls ziemlich neu im Team ist Valeriia Semeniuk und auch sie hat gleich das neue Amal-Trend-Thema aufgegriffen. Auch für viele Ukrainer:innen ist das Thema Landenschlussgesetz in Deutschland ein Schock. Es sei insgesamt eine große Umstellung, sich an den gemächlichen (!) Lebensstil in Deutschland zu gewöhnen, in dem man Einkäufe plant und Bürokratie per Briefpost erledigt, statt einfach in der Behörde anzurufen. Eine besonders interessante Selbstbeobachtung beschreibt eine ihrer Interviewpartnerinnen aus der Sauna: „Polina kam vor über zehn Jahren nach Berlin und war schockiert über die Regel des angesagten Berliner Wellness-Tempels Vabali, wo textilfrei Pflicht ist. „Die Leute dort waren nicht nur nackt, sondern auch sehr intim im Pool“, erinnert sie sich. „Nach so vielen Jahren hier sehe ich das aber ganz gelassen. Mir ist außerdem klar geworden, dass meine voreingenommene Haltung gegenüber der Freikörperkultur – der deutschen Kultur des freien Körpers – auf meine sowjetische Erziehung zurückzuführen ist. Leider wurde uns beigebracht, uns für unseren Körper zu schämen. Und generell sind wir es gewohnt, uns kleinzumachen – keinen Platz einzunehmen, nicht im Weg zu sein, nicht aufzufallen. Denn irgendjemand könnte uns ja schief ansehen.“ Und dann ist da auch noch das Thema Küssen in der Öffentlichkeit: „Der Kulturschock von Oksana, einer Lehrerin aus Sumy, scheint etwas ganz anderes zu sein, aber auch hier geht es um das Aufbrechen von Stereotypen. Am meisten beeindruckten sie die deutschen Rentner, die Hand in Hand durch die Straßen schlendern. Und sie scheuen sich überhaupt nicht, aufzufallen – sie trinken Bier in Kneipen, lachen laut und umarmen sich sogar an Bushaltestellen. „Bei uns ist das Alter etwas, das man verstecken muss“, sagt sie. „Und hier können sich Menschen in ihren Siebzigern verlieben und müssen nicht so tun, als wären sie ‚nicht mehr passend‘. Sie erlauben sich zu leben, anstatt einfach nur ihr Leben zu verbringen“, sagt Oksana.“ Hier geht es zum Artikel auf Ukrainisch |
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