Anfang April reiste eine Delegation syrischer Ärzte mit Wohnsitz in Deutschland nach Syrien, um medizinische Hilfe zu leisten. Die Initiative, genannt „Shifa-Kampagne“, führte 162 kostenlose Operationen durch. Nach dem Erfolg der vorherigen „Healing 1“-Kampagne wird der Start der zweiten Phase im Rahmen der Konferenz „Healing Syria“ angekündigt, die am 24. Mai in Frankfurt stattfindet. Es handelt sich um die Jahreskonferenz des Vereins Syrian Gathering in Germany (SGD) und der Syrischen Ärzte- und Apothekervereinigung in Deutschland (SyGAAD).
Dr. Heba Al-Naif – eine Brücke zwischen zwei Welten
Die Kinderärztin Heba Al-Naif berichtet über die Arbeit des SyGAAD und ihre persönlichen Erfahrungen in Deutschland. Sie beschreibt die Herausforderungen syrischer Ärzte bei der Anerkennung ihrer Abschlüsse – und ihren Beitrag zum deutschen Gesundheitssystem.
Al-Naif, heute 35 Jahre alt, kam Ende 2016 mit ihrem Mann nach Berlin. Ihr Medizinstudium hatte sie in Spanien abgeschlossen. Derzeit steht sie kurz vor dem Abschluss ihrer Facharztausbildung in Kinder- und Jugendmedizin – dem fünften Fachgebiet. Während der COVID-19-Pandemie musste sie wegen ihrer ersten Schwangerschaft pausieren. In dieser Zeit gründete sie die Social-Media-Seite „Heba, die Ärztin Ihres Kindes“, auf der sie medizinisches Wissen weitergibt. Sie spricht fließend Deutsch, Spanisch, Englisch und Arabisch und gehört zu den Gründungsmitgliedern von SyGAAD.
Syrische Ärzte stärken das deutsche Gesundheitssystem
Dr. Al-Naif kritisiert die Berichterstattung über syrische Geflüchtete in Deutschland. In den Medien stehe häufig Kriminalität im Vordergrund – erfolgreiche syrische Ärzte würden kaum erwähnt. Dabei arbeiten rund 6.000 syrische Mediziner in deutschen Kliniken – der höchste Anteil unter ausländischen Ärzten. Ihre Rolle bei der Stabilisierung des Gesundheitswesens sei entscheidend.
Al-Naif erinnert sich an den Tag nach dem Sturz des Assad-Regimes: „Das Regime fiel am Sonntag, am Montag hatte ich Dienst im Krankenhaus in Rathenow.“ Die Chefärztin fragte, wie sie sich fühle. Al-Naif antwortete: „Sehr glücklich.“ Daraufhin die Frage: „Gehen Sie jetzt zurück nach Syrien?“ In dem Krankenhaus, etwa eine Stunde von Berlin entfernt, seien rund 60 Prozent der Beschäftigten arabischer Herkunft – typisch für kleinere Häuser, in denen kaum deutsche Ärzte arbeiten wollen. „Wenn dort keine ausländischen Ärzte mehr arbeiten, müssen diese Kliniken schließen“, sagt sie. Doch nicht alle Kolleginnen und Kollegen erfahren Wertschätzung: „Manche wurden nach dem Sturz des Regimes mit Sprüchen konfrontiert wie: ‚Na, dann können Sie ja jetzt zurück nach Syrien.‘“
Rassismus am Arbeitsplatz
Al-Naif rät ihren Kolleginnen, Diskriminierung früh und klar anzusprechen. Sie berichtet von ihrer Zeit im ersten Krankenhaus, in dem sie in Brandenburg tätig war. In ihrer Abteilung arbeiteten drei syrische, ein rumänischer und ein serbischer Arzt, geleitet von einem palästinensischen Chefarzt. Das Pflegeteam bestand größtenteils aus älteren deutschen Krankenschwestern. Einige begegneten den ausländischen Ärzten mit offenem Misstrauen. „Sie sprachen von oben herab, als wüssten sie mehr als wir“, erzählt Al-Naif.
In Gegenwart von Angehörigen stellten einige Krankenschwestern ihre Autorität in Frage, bezweifelten ihre Diagnosen, ignorierten Dosierungsanweisungen oder weigerten sich, bestimmte Medikamente zu verabreichen. Auch der einfache Gruß blieb oft unbeantwortet. „Ich habe beobachtet, dass nicht-arabische, ausländische Ärztinnen anders behandelt wurden“, sagt sie. Schließlich wandte sie sich an die Klinikleitung. Dort erfuhr sie, dass es bereits frühere Beschwerden über rassistisches Verhalten gegeben hatte. Nach ihrer Intervention besserte sich das Verhalten – doch es blieb angespannt. „Seitdem wird jeder meiner Schritte kontrolliert“, sagt sie.
Aufklärung in der Pandemie – und danach
Während der Corona-Pandemie konnte Al-Naif wegen ihrer Schwangerschaft nicht arbeiten. Doch sie nutzte die Zeit, um medizinische Informationen zu verbreiten. Sie schrieb Artikel über das Coronavirus und veröffentlichte sie in Müttergruppen auf Facebook. Die Resonanz war groß. Daraus entstand ihre Seite „Heba, die Ärztin Ihres Kindes“ auf Facebook und Instagram. Dort informiert sie über Kindergesundheit, Schwangerschaft und Prävention – in Texten und Videos.
Mangel an Logopäden – Sprachverzögerung bei Kindern
Etwa 30 Prozent der Anfragen, die Al-Naif über ihre Kanäle erhält, betreffen Sprachverzögerungen bei Kindern. Ein wachsendes Problem – nicht nur in Deutschland. Arabische Kinder im Ausland wachsen oft mit mehreren Sprachen gleichzeitig auf, was zu Unsicherheiten führen kann. „Das Kind hört von allen Seiten andere Wörter – das kann verwirren“, sagt sie. Ihr Rat: Klare Sprachtrennung. Ein Elternteil spricht Arabisch, der andere zum Beispiel Deutsch. Wichtig sei, keine Sprachen in einem Satz zu vermischen. Auf ihrer Seite gibt sie auch praktische Tipps zur Sprachförderung.
SyGAAD – Für die Rechte syrischer Mediziner
Der 2022 gegründete Verein SyGAAD vertritt derzeit rund 10.000 syrische Ärzte – je zur Hälfte mit und ohne deutschen Pass. „Wir sind stolz auf unseren Beitrag zum deutschen Gesundheitswesen“, sagt Al-Naif. Ziel des Verbandes ist es, syrischen Ärzten den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern, Anerkennungsverfahren zu beschleunigen und die berufliche Situation zu verbessern. Neben der jährlichen Konferenz in Frankfurt bietet der Verein auch Online-Vorträge und Workshops zur Zeugnisanerkennung an. Dem Verband gehören zudem etwa 2.000 Apotheker und 3.000 Zahnärzte an.
Wiederaufbau des syrischen Gesundheitssystems
Eine Delegation syrischer Ärzte, Mitglieder des Verbandes nahmen im Februar an der Auftaktkonferenz des Krankenhauspartnerschaftsprogramms in Berlin teil. Dieses Programm wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) ins Leben gerufen, um syrische und deutsche Kliniken zu vernetzen. Ziel ist es, durch Wissenstransfer und Kooperation beim Wiederaufbau des syrischen Gesundheitssektors zu helfen. Ein Drittel der syrischen Krankenhäuser ist außer Betrieb, mehr als die Hälfte des medizinischen Personals hat das Land verlassen.
Nach dem Sturz des Assad-Regimes reiste Dr. Faisal Shehadeh, Direktor des Verbandes, nach Damaskus. Dort eröffnete er ein kleines Büro als Hauptsitz. Es begannen Gespräche mit dem neuen Gesundheitsministerium über mögliche Kooperationen. Im April wurde die „Shifa-Kampagne“ gestartet – eine Aktion, bei der mehrere syrische Organisationen unter Beteiligung von SyGAAD kostenlose Operationen durchführten. Ein Zeichen, dass auch aus der Diaspora heraus am Wiederaufbau gearbeitet wird.
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